Liebe, verehrte Frau Waldner,
ich sah Sie am 2. März in der „Tosca“ und möchte mich bei Ihnen für die beeindruckende Gestaltung der Rolle bedanken. Sie haben der Tosca eine menschliche Glaubwürdichkeit verliehen, wie ich es noch nicht erlebt habe. Zum ersten mal ist mir auch klar geworden, daß Tosca im Laufe der Handlung eine Entwicklung durchläuft: von einer eifersüchtigen Geliebten zu einer Frau, die aus Liebe und Stolz auch vor einem Mord nicht zurückschreckt. Vor allem: wie Sie Tosca’s Mord an Scarpia dargestellt und gesungen haben, die heillose Verzweiflung und- nach der Tat- das übermächtige Erschrecken über eigene Tat, das besaß eine Intensität, die fast schon zu stark war. Zuweilen befürchtete ich, daß Sie sich in der Rolle verlieren könnten-das Ihre Identifikation mit dem Schicksal Toscas absolut würde. Sie haben eine Frau dargestellt, die sich an die Grenze ihres Lebens begibt und nicht davor Zurückschreckt, sich existentiellen Gefährdungen auszusehen.
Liebe, verehrte Frau Waldner, ich möchte Ihnen für Ihre ergreifende Tosca mit einem Buch danken, das ich vor einigen Jahren herausgegeben habe. Es hat mit Oper nicht viel zu tun, aber doch mit Musik: mit Anton Bruckners Sinfonien. Vielleicht finden Sie an dem einem oder anderen Gedanken gefallen.
Mit herzlichen Grüssen
Grevenbroich 3 März 2005



